Verein für Heimatkunde Gunzenhausen e.V.

Nachrichten

Die Polizei von damals

Bis 1958 kannten die Gunzenhäuser ihre Stadtpolizei. Sie hatten sie irgendwie lieb gewonnen. Die beiden (später drei) „Polizeidiener“ waren im Städtchen bekannt und viele hatten zu ihnen ein persönliches Verhältnis. Es war halt die „gute alte Zeit“, wie man landläufig so sagt. Sie waren privilegiert. Ihr äußeres Zeichen war die blaue Uniform der kommunalen Polizei im Gegensatz zu der grünen Dienstkleidung der staatlichen Beamten.

Letzter Chef der Stadtpolizei, die sich im Äußeren wie den Aufgaben nach von der Landpolizei unterschied, war Hans Richter (1938-1958). Er ist vielen alten Gunzenhäuser noch bestens bekannt als Ordnungshüter mit aufrechtem Gang und ebensolchem Charakter. Bei der HSG Gunzenhausen war er bis in das hohe Alter aktiv.

Im aktuellen Jahrbuch „Alt-Gunzenhausen“ widmen sich Stadtarchivar Werner Mühlhäußer und Werner Neumann dem kommunalen Polizeiwesen und verdeutlichen die Unterschiede zwischen den staatlichen und der kommunalen Ordnungskräften. Die staatliche Gendarmerie in Bayern (Landpolizei) geht auf das Jahr 1812 zurück. Sie war nach königlicher Anordnung nach französischem Vorbild militärisch organisiert. Von 1927 bis 2003 war sie in dem voön Karl Barthel erbauten  repräsentativen Haus in der Seckendorff-Straße 3 untergebracht bevor der Umzug in das alte Amtsgerichtsgebäude in der Rot-Kreuz-Straße 10 erfolgte.

Schon sehr viel früher als die staatliche Polizei  geht die Gründung der Stadtpolizei zurück. Der erste „Bettelvogt“ (so die Bezeichnung) trat 1698 seinen Dienst an, wobei seine Arbeit hauptsächlich darin bestand, die „verarmten Bevölkerungsschichten“ zu überwachen, die von auswärts in die Stadt kamen. Deshalb auch sein Name „Bettelvogt“ oder „Bettelrichter“.  Die Stadtoberen nannten ihn und seine Nachfolger „Aufseher auf liderliche Vaganten“ oder „Gassen Wechter“ oder „Aufseher der Bettler allhier“. Er hatte sich auch um die Pflege- und Beerdigungskosten für jene Leute zu sorgen, die „entweder krank im Spital liegen oder hier versterben“. Johann Leonhard Carl hieß übrigens der erste. Er und auch seine Nachfolger  wurden vom Gunzenhäuser Stadtmagistrat nicht gerade finanziell toll ausstaffiert, weshalb sie auch noch Nebenjobs annehmen mussten (z.B. Schweinehirt).

Nach der Ära der Markgrafen von Ansbach herrschten kurzzeitig preußische Verwaltungsmuster und 1808 kam im Königreich Bayern die Municipalverfassung, nach der Gemeindereform von 1818  einen Bürgermeister und vier Municipalräte und ab 1919 noch 20 Stadträte dazu. Nach der „Dienst-Instruktion“  bestand die Schutzmannschaft  aus vier Schutzleuten, die für öffentliche Ruhe und Ordnung zu sorgen hatten. Zunächst waren zwei „Polizeidiener“ (oder: „Polizeisoldaten“) tätig, die sich ab 1910 „Schutzmann“ nennen durften.  Ihre Vorgesetzten in der Stadtverwaltung waren die „Polizeiofficianten“ (sie amtierten in der Rathausstraße 12, heute: Stadtmuseum).

Zu den Aufgaben der Schutzleute gehörte es u.a., auf dem Wochenmarkt auf die „gehörige Güte der Vitualien“ zu achten oder darauf zu schauen, dass von den Grundbesitzern die Obstbäume, Sträucher und Hecken jährlich von Raupen und Raupennestern gereinigt wurden. Natürlich waren sie auch Sittenpolizei. Wie ein Vorfall von 1913 zeigt, war der Magistrat aber eher nachsichtig, denn er verzichtete beispielsweise darauf, die „gewerbsmäßige Unzucht“ der ledigen Kellnerin Margareta Baumgärtner strenger  zu ahnden.

Stadtarchivar Werner Mühlhäußer hat wahre Sissyphusarbeit geleistet und listet die Polizeidiener von 1807 bis 1919 auf. Er ist in den Annalen auf ein Delikt  von frühem Antisemitismus gestoßen, wonach der Polizeidiener Schopf den Schnittwarenhändler Levi Bachmann einen „elenden, mißrablen Juden“ verunglimpfte.  Dafür gab es eine zwölfstündige Arreststrafe für die Ordnungsmann.  Wenig später schlug er einen Dienstknecht blutig und musste für 24 Stunden in die Zelle.  Seine spätere Bewerbung als Landgerichtsdiener hatte wohl auch deshalb keinen Erfolg, obgleich ihn der Stadtmagistrat als „schön und groß gewachsen“ sowie „im Rechnen und Schreiben vorzüglich bewandert“ webloben wollte.  Toll  trieb es  auch der Polizeidiener Reißinger 1856, der zuvor „Zuchtdiener“ im Kaisheimer Gefängnis war und sich in Gunzenhausen wegen Amtsuntreue durch Unterschlagung schuldig machte.  Der gebürtige Aufkirchener büßte seinen Job ein und fristete danach sein Dasein als Landpostbote. Er hatte die amtliche Polizeiinstruktion ignoriert, wonach den Polizeisoldaten auferlegt war, „ein nüchternes Benehmen zu pflegen, sich jeglichen Disputs zu enthalten und mit Klugheit, Ruhe und Besonnenheit vorzugehen“.

Im 20. Jahrhundert (1919) wurde die Gendarmerie aus der Armee herausgelöst und selbständige Einheit. Die Verstaatlichung der kommunalen Schutzmannschaften ging in Bayern von 1923-29 vor sich, dann wurde die Polizei der NS-Organisation unterworfen. 1945 gab es in 150 Städten mit mindestens 5000 Einwohnern eine selbständige Polizei (Stadtpolizei).  Daneben sah die grün uniformierte staatliche Polizei nach dem Rechten. Hauptposten gab es praktisch in allen Kreisstädten, dazu in 1300 bayerischen Dörfern. Diese dezentrale Struktur war ein Wunsch der US-Besatzer, denn die wollten Konsequenzen aus der zentral gesteuerten NS-Polizei ziehen. Viele der kleinen kommunalen Stationen verschwanden aber in den Jahren 1957 bis 1962, so auch die in Gunzenhausen. Die Landpolizei rückte nach und formierte sich per Gesetz zur Landespolizei.

WERNER FALK

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Kriegstagebuch von 1870/71

Aus dem Kriegstagebuch von Christian Preu (1870/71)

 

Ungeschönt und unzensiert ist das Kriegstagebuch des Markt Berolzheimer Bauern Christian Preu, der 3. März 1871 zu den deutschen Soldaten gehörte, die in Paris einmarschierten.  Von der heroischen Begeisterung war er voll erfasst: „Die Franzosen machten schiefe Gesichter auf uns. Der Hass und Groll der Pariser war arg, aber sie mussten sich geduldig dreingeben, denn es war eine große Schmach für sie, von den Deutschen besiegt zu werden“ notierte er in sein Tagebuch, das nach 150 Jahren von einem Berolzheimer zufällig entdeckt wurde. Daniel Burmann, der ehrenamtliche Gemeindearchivpfleger, spricht von einem absoluten Glücksfall und misst den Wert der Aufzeichnungen am Blickwinkel eines rangniederen Soldaten und eben nicht aus der Feder eines Politikers oder Militärs. Veröffentlicht ist das Kriegstagebuch in der aktuellen Ausgabe von „Alt-Gunzenhausen“, dem Jahrbuch des Vereins für Heimatkunde Gunzenhausen.

Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 ist heute weithin vergessen. Wie Autor Daniel Burmann feststellt, liegt das wohl auch daran, dass die globalen Auswirkungen der folgenden Weltkriege ihn sozusagen in den Schatten stellen. Deutschland, das den Krieg gewann und sich das Elsaß und Lothringen einverleibte, ging gestärkt aus der Schlacht hervor und erlebe danach seine Reichsgründung.

Christian Preu war ein Bauernsohn, der 1879 Walburga Wiesinger aus Lengenfeld heiratete und mit ihr drei Töchter hatte. Es ist ungewöhnlich, dass ein einfacher Soldat die militärischen Geschehnisse so exakt festgehalten hat. Immerhin haben seine handschriftlichen Aufzeichnungen einen Umfang von 34 Seiten in einem alten Rechenbuch von 1764. Der Autor hat den Schreibstil Preus weitgehend beibehalten, die leichten Korrekturen nur vorgenommen, um den Text verständlich zu machen.

Der Soldat gehörte zur 4. Kompanie des 15. Infanterieregiments in Neuburg, das am 17. Juli 1870 zur Mobilmachung rief.  Schon zehn Tage später ging es fußläufig in Richtung Harburg (mit Ziel Speyer) los.  Über die Pfalz rückte die Truppe ins Elsaß ein, wo sie den Kanonendonner der „Schlacht bei Weißenburg“ hörten. Schrecklicher Regen begleitete das Biwak. Preu erlebte die Einnahme von Nancy. „Furchtbare Märsche, Hungersnot, Hitze und Elend stieg aufs Äußerste“, notierte der Berolzheimer. Zudem brach die Ruhr aus, so dass nicht mehr alle marschfähig waren. Die deutschen Kämpfer fanden in Frankreich sozusagen verbrannte Erde vor: „Die Franzosen marschierten vor uns ins Innere Frankreichs, plünderten und verzehrten fast alles, was da war“.  Die „Schlacht bei Sedan“ am 1. und 2. September war für die Deutschen kriegsentscheidend. Noch Jahre danach feierten die Sieger den „Sedanstag“.

Auf dem Marsch auf Paris machte der fränkische Biertrinker erste Bekanntschaft mit französischem Wein („…mehr als zehn Eimer“). Mit seinem Kameraden Rottenberger aus Pfofeld schleppte er noch ausreichend Rebensaft ins Quartier. Die französischen Kriegsgegner hatten alles liegen und stehen lassen bevor sie die Flucht ergriffen. Preu wähnte sich auf der  Berolzheimer „Buchleiten“ , denn ähnlich war sein Blick ins Tal: „…nichts als Stadt und nirgends kein Ende“. Er geriet in ein schreckliches Geschützfeuer, wo neben ihm „zwei Mann gleich plötzlich tot waren“. Den 2. Weihnachtsfeiertag feierte er mit  seinen Landsleuten Georg Bieber, Georg Schmidt, Michael Guthmann und Georg Frank  in einer Weinrestauration.

Bei Matsch und Dreck mussten die Soldaten „schrecklich viel aushalten“. Christian beklagt in seinen Aufzeichnungen, dass er sich vom 8. September 1870 bis zum 13. März 1871 nicht ein einziges Mal des nachts vollständig ausziehen konnte. Nach der siegreichen Schlacht von Paris in den ersten Januartagen 1871 gönnte er sich mit Kameraden einen „Spaziergang nach Versailles“: „Wir konnten uns nicht genug sehen und kann auch die Pracht und Schönheit nicht beschreiben“. Preu war dabei, als der deutsche Kaiser am 1. März in Paris einmarschierte. Drei Tage gab es für die Sieger „Froh“ (Franc)-Zulage, die von den Parisern zu zahlen war, wie Preu notierte.

Auf dem Rückzug verbrachte der Deutsche das Osterfest bei einer französischen Familie („…des Abends mußte ich mich mit ihnen zum Feuer setzen“) und nach den 80 Tagen im Standquartier ging es Richtung Heimat. „Herzergreifend“ empfand er den Empfang in der Pfalz, wo er und seine siegreichen Kameraden von Neuburger Reitern und Mädchen mit Kränzen und Sträußen unter großem Jubel empfangen wurden.  Und natürlich erklang die „Wacht am Rhein“, als die Truppe über den Rhein marschierte. „Ich rühme die Güte Gottes, der mir Gesundheit geschenkt hat, so dass mir keine Stunde was fehlte“, dankt er  abschließend in seinen Notizen.

WERNER FALK

 

 

 

 

 

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Labezedel oder Lubenzedle

 

2020 wird als das „Jahr der Corona-Pandemie“ in die Annalen eingehen. Dabei wird aber leicht übersehen, dass schon früher die Menschen von grässlichen Epidemien betroffen waren. Die „Blattern“ waren  gefürchtet und kosteten vielen das Leben, aber auch die Rote Ruhr und Scharlach waren Krankheiten, die sich seuchenartig verbreiteten. Davon berichtet Stadtarchivar Werner Mühlhäußer in seinem Beitrag zur Ortsgeschichte von Laubenzedel in der neuen Ausgabe von „Alt-Gunzenhausen“, der Jahrespublikation des Vereins für Heimatkunde.

 

Im 17. und 18. Jahrhundert waren die hygienischen Missstände allenthalben verbreitet, es gab Mangelernährung und auch die harte Arbeit war nicht dazu angetan, den Menschen ein angenehmes Leben zu schenken. In Laubenzedel brachen die Blattern beispielsweise 17 Mal aus. Mehr als zwanzig Männer und Frauen starben. Heute überschlagen sich die Warnungen via Fernsehen und Internet, damals gab es  den öffentlichen Aushang: „Hier in diesem Hause herrschen die Blattern und wird Jedermann vor dem Zutritt desselben ernstlich gewarnt“.

Conrad Babo, Heinrich Vogelein und Hermann de Lieboltessedele werden in der ersten schriftlichen Erwähnung Laubenzedels als Bürger genannt. In alten und glaubwürdigen Schriften fand Stadtarchivar Werner Mühlhäußer auch noch andere Namen: Lauboltsedel, Lubenzedle oder Labezedel. In der Topographie von Gottfried Stieber wird eine eigene Pfarrei erstmals 1565 genannt. Breiten Raum widmet der Autor der 1415 erbauten St. Sixtuskirche und den wiederholten  Sanierungen. Vom markgräflichen Hofbildhauer Giuseppe Volpini stammen die Kanzel  und der Altar. Die Kosten trugen die Laubenzedeler, die 1709 allerdings schockiert vernehmen mussten, dass der markgräfliche Kastner (Red: Finanzreferent) 368 Gulden aus ihrem „Heiligen“ (Geld der örtlichen Kirchenverwaltung) veruntreute bevor sich seine Spur in der Schweiz verlor. Immerhin meinte es Markgraf Carl Wilhelm Friedrich, der sich oft in der Wildmeisterei Lindenbühl bei Haundorf aufhielt, einigermaßen gut mit den Laubenzedelern und erstattete ihnen 200 Gulden. Und seine Gefährtin Elisabeth Wünsch, die mit den vier gemeinsamen Kindern im Schlößchen Georgental und im Walder Schloss lebte, schenkte ihnen wiederholt „gemödelte weiße Kerzen“.

Eine Feuersbrunst, wie sie zuletzt im Dreißigjährigen Krieg zu erleben war, brach 1755 auf den Ort herein. Beim Webermeister Jerg Leonhard Hörauf nahm sie ihren Anfang und griff auf neun Gebäude über. Der Markgraf, der sich in seiner Gunzenhäuser Residenz aufhielt, schickte seine Leibkompanie zur Hilfe. Verursacherin war übrigens die Ehefrau Höraufs, die gegen Mitternacht einem unruhigen Ochsen Futter bringen wollte, wobei das offene Licht Streu und Heu entzündete.  Den Meister selbst schleppten die Helfer durch eine Fensteröffnung ins Freie. Zwei Jahre später brannte das Wirtshaus von Johann Michael Huber. Auch in diesem Fall kam markgräfliche Hilfe schnell.  Erbprinz Alexander, der seinen in Gunzenhausen dahinsiechenden und drei Tage später sterbenden Vater beistand, ritt höchstselbst nach Laubenzedel, wobei der 21-Jährige aber unglücklich vom Pferd stürzte.

Wie Werner Mühlhäußer feststellt, ließen sich die Truppen des französischen Kaisers Napoleon auf ihren Eroberungsfeldzügen wiederholt von den Laubenzedelern verköstigen.  Pfarrer Frobenius vermerkte in seinem Kirchenbuch einen Vorfall der besonderen Art: „Grab bestohlen“. Das Grab des eineinhalbjährigen Bauernsöhnchens Pfeifer wurde aufgebrochen und aus dem Sarg  das Leichentuch gestohlen.  Hinter der Tat vermutete man einen französischen Soldaten, der wohl dem Aberglauben anhing, sich auf diese Weise gegen Verwundungen „durch Hieb und Schuß“  schützen zu können.

Unter den Wirten des Dorfes befand sich auch Simon Vogel vom „unteren Wirtshaus“, der 1725 starb „nachdeme  er ganz engbrüstig worden, vom Fleisch gefallen und daran gestorben“.  Besser erging es der Schuhmacherstochter Barbara Tröster, die nach ihrer Heirat mit Lorenz Winckler, einem im Dorf angesehenen Soldaten und Reiter, sechs Kinder gebar. Sie war 1716 in Gunzenhausen als Hebamme tätig und später am markgräflichen Hof in Ansbach. Die Geburtsheferin durfte mit nach England reisen, um der Ehefrau des englischen Thronfolgers bei der Geburt ihres Sohnes fürsorglich beizustehen. Weniger umsorgt entband 1784 die ledige Bauerstochter Katharina Barbara Meier auf dem Fußweg nach Schlungenhof mit Hilfe einer zufällig vorbeikommenden Frau ihre Tochter. In ein Schnupftuch gewickelt erblickte das Kind das Licht der Welt, die Kindsmutter gelangte auf einem Schubkarren nach Hause.

Eine „schöne Leicht“ gab es längst nicht für alle. Weil der Schluss seines Lebens „nicht zum besten, sondern böß und ärgerlich“ war, wurde beispielsweise nach fürstlichem Hofratsbefehl die Beisetzung des Bäckers und Branntweinbrenners Johann Leidel am 5. November 1709 um „gewisse Ceremonien“ gekürzt, d.h. es läutete nur eine Glocke und Sterbelieder durften auch nicht gesungen werden.

Einen Tadel des Gunzenhäuser Dekans handelte sich 1772 der verwitwete Schneidermeister Johann Christoph Engelhard ein, der seine verstorbene Frau nicht länger betrauern wollte und schon zehn Wochen und einen Tag nach deren Hinscheiden ein zweites Mal heiratete. Eine Bußpredigt des Ortspfarrers musste  sich Leonhard Ruep anhören, als er Apollonia Gerhäußer aus Büchelberg ehelichte. „Wegen der gros schwangeren Braut“ gab es keinen Brautkranz, keinen Tanz und auch kein Saitenspiel.

Weitere Beiträge in „Alt-Gunzenhausen“ sind: „Alte Friedhöfe an der Altmühl“ (Werner Somplatzki), „Kurzgefasste Ortsgeschichte von Schlungenhof“ (Siglinde Buchner), „Grabplattenfunde aus der Marienkirche in Großlellenfeld“ (Hermann Thoma), „Die Mühlen von Muhr“ (Günter L. Niekel), „Von Bettelvögten und Polizeidienern“ (Werner Mühlhäußer und Werner Neumann), „Christian Friedrich Möbius – Stadttürmer und Stadtmusikus in Gunzenhausen“ (Laura Meyer), „Die Grundungszeit des Sängerbundes 1861 Gunzenhausen“ (Annalena Brand), „Kriegstagebuch aus dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71“ (Daniel Burmann) und „Nationalsozialismus und Antisemitismus in Gunzenhasuen 1919 bis 1924“ (Werner Mühlhäußer).

WERNER FALK

 

 

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Schlungenhöfer "Gänsrupfer"

 Markus Schober, der junge Ortssprecher von Schlungenhof, wandelt auf den Spuren gleichnamiger Gemeindevorsteher aus dem 19. Jahrhundert: Johann Leonhard Schober leitet die selbständige Gemeinde von 1846-1855 und Johann Georg Schober war von 1869-1875 der Gemeindechef. Diese Erkenntnis hat Siglinde Buchner, die ehrenamtliche Kreisarchivpflegerin, gewonnen. Sie skizziert im jetzt erschienenen Jahrbuch „Alt-Gunzenhausen“ wesentliche Facetten der Schlungenhöfer Ortsgeschichte.

 Landwirtschaftlicher Grundbesitz in Schlungenhof wurde erstmals 1364 nachweisbar verliehen. Historikerin Siglinde Buchner geht aber davon aus, dass es den Ort schon zuvor gegeben hat.  Bis zum 15. Jahrhundert nannte sich die Siedlung Slummenhof, Slummenhofen oder Schlumpenhoff.  Die Namensgebung  könnte auf den Familiennamen Slump (1497) oder auf die Bodenbeschaffenheit („schlammiger Hof“) zurück gehen. In der ersten urkundlichen Erwähnung wird Hainrich Schauchman zu Guntzenhusen“ erwähnt,  der bei „Slumenhof“ einen Acker von der Ellwanger Reichsabtei zur Bewirtschaftung bekam. Sie besaß schon 1364 drei Anwesen im Ort, die an die Herren von Lentersheim verliehen waren.  Zu den Flurstücken gehörten die Rorachwiese, die Mertinswiese (heute: Märtelwiese), die Bühl- oder Brügelwiese, der Brücklins- oder Bürglinsacker, der Strigelacker, der Tanacker und die Sinderlache.

Die Autorin widmet sich in ihrer Darstellung umfassend den Grundherren von Schlungenhof, also der Reichsabtei Ellwangen, den Herren von Lentersheim (sie hatten in Neuenmuhr ihren Sitz).  Bis ins 16. Jahrhundert hinein veränderte sich an den Besitzverhältnissen wenig.  Es gab 27 Anwesen und ein Hirtenhaus. Allerdings wütete der Dreißigjährige Krieg schwer, mehr als die Hälfte der Häuser wurden zerstört. Die Glaubensflüchtlinge aus Österreich kamen und bauten neu auf.  Einige ihrer Namen waren:  Schmidtöhl, Baumgartner, Oberhäuser, Binder, Jungmair, Kern, Schauer, Thalmann und Waldschlager. Etliche Nachkommen gibt es heute noch.

1431 ging der Ort in den Besitz der Markgrafen von Brandenburg-Ansbach über. Schlungenhof lag strategisch günstig zwischen der Gunzenhäuser und der Lindenbühler Wildfuhr. Die Herrscher schätzten die wasserreiche Gegend, zumal sie dort Reiher und Kraniche jagen konnten.

Nach der Abdankung des letzten Markgrafen (1792) gelangte Schlungenhof in preußischen Besitz, 1806 wurde der Ort bayerisch und fünf Jahre später mit Laubenzedel zu einer Ruralgemeinde (Red: Landgemeinde aus verschiedenen Siedungsteilen) zusammengelegt. Als die Adeligen 1848 alle gutherrlichen Gewalten einbüßten, weil sie an den Staat übergingen,  wurden die Schlungenhöfer Bauern aus ihrer mehr als 900-jährigen Knechtschaft entlassen.

Die Lehenbücher der Reichsabteil Ellwangen und das älteste Gunzenhäuser Stadtbuch sind für die Wissenschaftler von heute bedeutsame Grundlagen, die Fischereiordnung von 1447 regelte beispielsweise die Nutzung der Fischwasser zwischen Aha und Muhr. Von Walburgi bis Jakobi war den Fischern „mit tauppeln und hammen“ (Kerschern) freie Hand gegeben, nur Reusen durften sie nicht „darein legen“.  Immerhin gab es damals noch reichlich Hechte, Karpfen, Elten, Barben, Arauschen, Persinge, Ruppen, Weißfische und Krebse.

Bei ihren Forschungen ist Siglinde Buchner, die zum festen Stamm der Autoren des Vereins für Heimatkunde Gunzenhausen zählt, auf einen besonderen Zeitgenossen gestoßen: Matthes Bauer, der vom ärmlichen Gänsehirtenjungen aus der Laubenzedeler Nachbarschaft zum reichen Kaufmann in Nürnberg mutierte. Der „mit Steinen belegte Fußsteig von Schlungenhof nach Laubenzedel wurde 1770 als „sehr nützlich gegen Unfälle“ gewürdigt.

Dass die Schlungenhöfer im 17. Jahrhundert auch Tabak angepflanzt haben, das geht aus einem markgräflichen Dokument von 1693 hervor. Die Schlungenhöfer lehnten aber den verlangten Zehnt ab. Nach dem herrschaftlichen Ansbacher Reskript war den privaten Tabakbauern der Anbau unter Auflagen erlaubt, verkaufen durften sie den Tabak nur außerhalb des Landes. Aber reich wurden die Schlungenhöfer mit dieser Sonderkultur nicht, denn ihre Böden waren zu nährstoffreich. Die Blätter blieben schwarz-grün und hatten einen zu hohen Salpetergehalt, mithin war der Tabak zum Rauchen zu stark.

Große weiße Vögel, die man in „dasiger Gegend“ sah, und die größer als eine Gans waren, nannte der Volksmund „Nimmersatt“. Sie gehörten zur Familie der Störche. Von ihnen wusste man, dass sie mit ihrem eine halbe Elle langen Schnabel sogar einen dreipfündigen Karpfen verschlucken würden. Der Markgraf ließ sich zwei dieser seltenen Vögel aus dem Entenpfuhl „gefangen und lebindig“ in die Sommerresidenz nach Triesdorf bringen.

In der „Oberdeutschen allgemeinen Litteraturzeitung“ schwärmte der Rezensent eines Reisehandbuchs von 1788: „In dem Weiler Schlungenhof findet man Herden schönster Gänse – von Schwanengröße und Schwanenweiße“.  Und die „Neuen wöchentlichen Nachrichten“ aus Göttingen waren begeistert von „Heerden von tausend, anderthalb tausend Stücken der schönsten Gänse“. Seither ist es für die Schlungenhöfer eine Ehre, als „die Gänsrupfer“ geneckt zu werden.

WERNER FALK

 

 

 

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